Ursula Maria Berzborn: Unter freiem Himmel. Vom Situativen zum Verorten

This is the original German version of a text submitted after RAUM ZEIT ZIRKUS – Site Specific and Time Specific Circus and Performance – ThinkTank at CircusMühle Kelbra in November 2024.

Ursula Maria Berzborn

Unter freiem Himmel
Vom Situativen zum Verorten

Raus aus den Gebäuden, ins freie Draußen! Das war unser erster Impuls Anfang der 90er in Berlin. Frei vom „Sehen und gesehen werden“ der bürgerlichen Theatertradition, vom gesellschaftlichen Ritual. Frei von dunklen Gebäuden mit Korridor-Labyrinthen hinter der Bühne, frei von von Männern geschriebenen literarischen Vorlagen, frei in der Wahl des Inhaltes und der Form.
Frei in der Konfrontation mit einem anderen Publikum, das neugierig ist, verführt werden will, das aber auch geht, wenn es will – ohne bezahlte Eintrittskarte.
Ein politisches Statement, eine künstlerische Haltung. In Augen schauen, die sehen wollen, durstig sind, eine tiefe Freude an der Entdeckung, ohne Urteil, wo unsere Kunst direkt in der Seele landete.
Wir wollten da sein, wo die Menschen sind, wo die gesellschaftlichen Dialoge im Draußen ausgetragen werden. Wir spielten auf politischen Demonstrationen, erfanden unsere eigenen Bilder, suchten performative Techniken, die der Größe des Ortes, der Kürze der Aufmerksamkeitsspanne und dem Tumult standhalten und trotzdem – oder gerade deswegen – Inhalte transportieren konnten.

Techniken der alten Volkstheater, des Spektakels, des Zirkus, der Figuren der Commedia dell’Arte, der Buffonen, der Clowns, gefüllt mit den Weisheiten der Straße, der direkten Kommunikation waren Vorbild und Nährboden, flossen ein in unsere Arbeitsweise und Ästhetik. Ohne Angst, ohne Rampe, oft ohne Netz. Das Risiko der Unberechenbarkeit in Kauf nehmend, liebten wir das Situative, die Improvisation. Der plötzliche Wind, die Kirchturmglocke, der Schrei eines Vogels, Sirenen und ferne Stimmen, alles ist Teil.

Das Unvorhersehbare, die Gradwanderung machte uns stark im gemeinsamen Agieren, schnelle Reaktion. Eine unsichtbare, wandernde Blase der Theaterimagination umgab uns und in ihr schützten sich die Mitspieler:innen – gegen kleinere und größere Gefahren des Draußen, der urbanen oder ländlichen Architektur, oder gegen Menschen, die sich durch uns in ihrer Komfortzone gestört fühlten. Und immer wieder fragten wir uns: Wie können wir sie trotzdem mitnehmen?
Ein Ensemble mit starkem Zusammenhalt entstand, in den Körpern und in die Psyche eingeschriebene gemeinsame Erfahrungen tragen uns bis heute.

Wo sind heute die öffentlichen Räume des gesellschaftlichen Diskurses? Wohin müssen wir uns heute als Künstler:innen bewegen um am Nerv der Zeit zu sein? Um ihn anzutippen, auch wenn es weh tut….
Wer will uns heute, wer braucht uns, wer bezahlt uns in Zeiten der wirtschaftlichen Ängste?

Immer noch brennen wir für die Techniken des Zirkus, die die Welt auf den Kopf stellen, Perspektiven verschieben, die den Atem anhalten lassen, die die Aufmerksamkeit und die Kraft der Imagination bündeln, um genau diesen Moment – fern ab von Instagrammability – als ein tiefes Erleben im Inneren der Zuschauenden einprägen, um genau in diesem Moment Bilder zu setzen, die Emotionen auslösen und im visuellen Gedächtnis verankert bleiben, unabhängig von Bildung oder kulturellem Hintergrund.

Diese Technik des „Imprinting“ kombinieren wir heute bewusst mit einem Ort, der aus sich heraus erzählt, der eine Geschichte in sich eingebrannt hat, die wir sichtbar und fühlbar machen.
So kreieren wir im öffentlichen Raum ortsspezifische theatrale Bilder, die ihre eigene Sprache sprechen, oft non-verbal als Bildertheater, als Körpertheater, als Objekttheater.
Wir verbinden uns dafür mit den lokalen Wurzeln, graben sie aus, legen sie frei, bringen sie mit jeweils spezifischen, passenden Werkzeugen und unseren Körpern ans Tageslicht, für die schon immer dort Ansässigen und die Zugezogenen.
Durch das gemeinsame Erleben, die gemeinsame Begegnung werden alle Anwesenden eins, in dem Moment. Wir verbinden wir uns mit einer Geschichte außerhalb von uns selbst, grösser als wir selbst, verschmelzen mit ihr, unabhängig von Haut und Herkunft. Der Augenblick, der Wind, der Schrei eines Vogels, ferne Stimmen zählen mehr.
Begreifen, dass wir zusammen im Hier und Jetzt sind.

Ursula Maria Berzborn, Grotest Maru, 2025

 

Contact

grotestmaru@grotest-maru.de

www.grotestmaru.de