Research: Frauen in der Artistik

Frauen im Zirkus - kulturwissenschaftliche Forschung

Seit Jahren, also eigentlich schon immer, bin ich auf der Suche nach feministischer Handlungsfähigkeit: als Kulturwissenschaftlerin, Künstlerin, Performerin. Ich arbeite seit Jahren in Berliner Kunst-Kontexten, in der Berliner Subkultur. Feministische Handlungsfähigkeit und das Thematisieren dieser gibt es in diesen Bereichen durchaus - wie immer zwar marginal, aber definitiv vorhanden.

Aber im Kontext der "Kleinkunst", Show-Kunst, Artistik und Zirkus-Kunst fehlt mir das völlig.
Und gerade deswegen fasziniert mich dieser Kontext besonders. Ich fühle mich herausgefordert, feministische Ansätze zu finden, sie zu stärken, sowie eine Herstory der Artistik zu schreiben.

Einige persönliche Erfahrungen - ich bin ja selbst Artistin - tragen beispielhaft zu diesem Anliegen bei:
- Wir stoßen in der artistischen Szene immer wieder auf krasseste Gender-Stereotypen, im Trainingsraum wie in der Manege / auf der Bühne. Das betrifft nicht zuletzt die Erwartungen der VeranstalterInnen und des Publikums: Artistinnen haben in der Regel schön, jung und sexy zu sein...
- Feministisches Bewusstsein ist bei den meisten Artistinnen so gut wie gar nicht vorhanden, oder zumindest ein Bewusstsein darüber, wie und ob sie Geschlechterrollen festschreiben oder aufbrechen mit ihrer Tätigkeit. Obwohl ein Aufbrechen ja eigentlich naheliegend sein könnte - denn z.B. ist die Luftartistik eine Art Kraft-Sport, und somit untypisch für das "schwache" Geschlecht.
- Artistinnen arbeiten mit ihrer Tätigkeit nahe am Bereich der Sex-Arbeit, in manchen Ländern und Kontexten sind sie sogar per se Sex-Arbeiterinnen: Z.B. in den USA werden Luftartistinnen und erotische Pole-Dancerinnen meist als dasselbe angesehen - das ist bisher in Frankreich und Deutschland eher selten so. In Großbritannien ist die artistische Szene eng mit der Burlesque-Performance verbunden, und in muslimischen Ländern werden häufig (europäische, weiße) nicht-muslimische Artistinnen gebucht, da diese viel mehr Haut zeigen "dürfen".

Auf der positiven Seite interessiert mich die artistische und Zirkus-Szene als historische Freiräume für das "Andere". Zirkus war immer schon ein Sammelbecken für von der Gesellschaft Ausgestoßene und für radikale Ideen. Sowohl homosexuelles Begehren und andere Abweichungen vom bürgerlichen Ehestandart (z.B. alleinerziehende oder ledige Mütter), als auch subversive Körper ("Freaks" - von der bärtigen Frau bis zur Kraftartistin, die ihren Mann durch die Luft wirft) und performatives Cross-Dressing, sowohl künstlerische Selbstverwirklichung, als auch finanzielle  Unabhängigkeit und Nomadismus - dies sind nur ein paar der Themen und Klischees der artistischen Welt, die ich mir genauer ansehe.

Außerdem haben Performerinnen in meinen Augen eine gewisse Verantwortung, was die Veränderung von gesellschaftlichen (geschlechterspezifischen) Rollen angeht. So wie heute Madonna oder Lady Gaga die Macht haben, ein powervolles Rollenbild für Frauen zu schaffen, waren Artistinnen vor 100 Jahren die damaligen Superstars. Heute gibt es zwar keine so berühmte Artistin - aber auch in kleineren Kontexten können von der Bühne (Manege) Impulse für gesellschaftliche Veränderungen kommen. Hier begebe ich mich auf eine spannende Suche nach Artistinnen, die negative Gender-Klischees aufbrechen, ironisieren oder schlicht ignorieren.

Bisher gibt es zu Gender-Themen in Bezug auf Zirkus und Artistik kaum Forschung - und zwar selbst im internationalen Kontext nicht. Die Publikationen sind fast an einer Hand abzuzählen, ein paar Symposien und ein paar wenige Ausstellungen - die selten kritisch analysieren oder einen Bezug zur Gegenwart herstellen, sondern meist bei historisch biographischen Betrachtungen bleiben.

Maryse Begary

Maryse Begary

 

Luisita Leers

Luisita Leers

 

Luisita Leers

Luisita Leers

 

Formate

Meine Forschung stelle ich nicht nur in wissenschaftliche Kontexte, sie fließt auch direkt und indirekt in mein künstlerisches Schaffen ein. Neben meinem dokumentarischen Variete-Theater "Vintage! Women! Variete!", performe ich mit weiteren Formaten, von Lecture Performances, Moderationen und Infotainment.

Stücke und Nummern
Einige Produktionen sind direkt mit meiner Forschung verbunden und setzen sich mit der Geschichte der Artistik auseinander:

- Vintage! Women! Variete!
Ein dokumentarisches artistisches Theater
Angesichts des Abrisses ihres Zirkusses in den 30er Jahren in Berlin, träumt die große Zirkus-Direktorin Paula Busch von ihren Begegnungen mit außerordentlichen Artistinnen und imaginiert eine ganz besondere allerletzte Vorstellung.
Wir präsentieren einige in Vergessenheit geratene Zirkus Frauen aus der Blütezeit des Zirkus, mit ihrer Kunst und ihren ungewöhnlichen Leben.

- The Sassy Jassy Sisters
Ebenfalls mit historischem Fokus, widmet sich diese Nummer ganz konkret der historischen Performance "Luft-Ballett", die vor allem in den amerikanischen Zeltzirkussen bis in die 1930er Jahre beliebt war.

- Die Trapezkünstlerin
Neben der artistischen Adaption von Kafkas Zirkusliteratur, erläutert die Protagonistin ge-genderte Tricks und ihre Verankerung im Show-Business, wie z.B. den Spagat.

Moderation
Ein sehr beliebtes Show-Format, das sowohl mir als auch dem Publikum großen Spaß macht, sind meine Infotainment-Moderationen von Variete-Abenden. Zum Beispiel moderierte ich 2015 den Cabaret Abend des Fun Fatale Festivals in Prag - zu jeder Nummer und Show des Abends erzählte ich historische Hintergründe und verortete die Künstlerinnen und ihre Techniken innerhalb der artistischen Welt. 2016 moderierte ich gemeinsam mit Arnulf Rating die Eröffnungs-Gala der Luftartistik Festspiele Berlin, mit Geschichten und Fakten über Luftartistk, historisch und kulturwissenschaftlich.

Lecture Performances
Insbesondere im Kontext des Magdalena Project habe ich bereits einige kulturgeschichtliche Lecture Performances für die Sichtbarmachung von Frauen in der Artistik präsentiert. Mit Video-Projektionen, Q&A-Talks, artistischer Performance und Vortrags-Fragmenten.

Film
2014 produzierten wir zusammen mit Thomas Kelling einen dokumentarischen Kurzfilm über mein großes Vorbild Louise Leers: "Louise Leers - The Muscle Grind" Siehe weiter unten.

Ausstellung
Seit 2014 arbeite ich an eine Wander-Ausstellung für den öffentlichen Raum, die die Kunst von Artistinnen ausgräbt, untersucht und feiert. Dabei sammle und suche ich Artistinnen und ihre Werke sowohl historisch als auch gegenwärtig. Ich bringe ihre performative Produktion in diverse gender-relevante thematische Zusammenhänge und will damit eine artistische Herstory schreiben.
Dabei interessiert mich in erster Linie die Performance und Kreation von Frauen. Außerdem untersuche ich die Aspekte 'artistische Körper', 'erotisches Show Business' sowie das traditionelle Zirkus-Thema 'Kampf der Geschlechter'. Auch in Hinsicht auf den Alltag, das Leben und den Nicht-Alltag von Artistinnen.
Ein erster historischer Teil mit Hintergründen über die im Stück dargestellten Frauen wandert seit 2014 mit dem Vintage! Women! Variete! mit.

Vorträge und Artikel

Als Kulturwissenschaftlerin halte ich auch Vorträge in wissenschaftlichen Kontexten und bin an der Verankerung einer "Zirkuswissenschaft" im universitären Bereich interessiert. Nicht zuletzt, um mit den herkömmlichen Klischees über Zirkus, die im wissenschaftlichen Kontext stark vorherrschen, aufzuräumen.
November 2016: "Zwischen Kunst, Kleinkunst und Sexarbeit. Frauen im zeitgenössischen und gegenwärtigen Zirkus", Vortrag auf der internationalen wissenschaftlichen Tagung "Manegenkünste. Zirkus als ästhetisches Modell", Universität Marburg

Louise Leers - the muscle grind - Film by Thomas Kelling und Jana Korb

Warum Artistik? Verortung von zeitgenössischem Zirkus in der Tradition

In einer Zeit, in der die Aufhebung der Grenzen zwischen Spezies lange schon die Welt der Science Fiction verlassen hat, und nicht mehr nur ein philosophisches Thema ist, sondern auch den zeitgenössischen künstlerischen Mainstream erreicht hat (siehe documenta 13) - ist es immer wieder verwunderlich, dass die deutsche Gesellschaft immer noch strikt zwischen Kunst und "Kleinkunst" unterscheidet. In Frankreich zählt Zirkus längst zu den "großen" performativen Kunstgattungen wie Theater, Oper, Ballett - wogegen auf der documenta 13 Artistik als einziges künstlerisches Genre nicht verteten war.

Aus diesem Grund gibt es hier nur aufkeimend kritische, (performance-)wissenschaftliche, kulturwissenschaftliche Forschung zum Bereich Zirkus und Artistik.

Wir machen seit Jahren zeitgenössischen Zirkus - und reiben uns in Deutschland an den Genregrenzen zwischen Straßentheater, Zirkus, Tanz und Theater. Das hat uns dazu gebracht, bewusst unsere Traditionen zu untersuchen, die zum sogenannten "Neuen Zirkus" geführt haben - unsere Wurzeln zu betrachten. Die allgemein-gesellschaftliche und szene-typische strikte Ablehnung des traditionellen Zirkus teilen wir so nicht. Wir sehen zwar etliches kritisch, sei es die Ausbeutung von Mensch und Tier, die wirtschaftliche Armut, die verkrusteten Rituale, aber wir wissen auch, was wir unseren Vorfahren und Vorbildern verdanken. Der Cirque Nouveau war in den späten 1960er Jahren eine immanente Innovation, und nicht, wie viele denken, eine grundsätzliche Ablehnung der Traditionen.

Artistinnen in der Geschichte und Zeitgeschichte des Zirkus und Variete

Mein Forschungs-Fokus gilt vor allem dem modernen Zirkus seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Gesellschaftliche Normen definieren sehr stark die Präsenz von Frauen in der darstellenden Kunst; und die Art und Weise, wie und ob Artistinnen auftreten, ist eine schmerzhafte Geschichte der Rebellion und Affirmation geschlechtlicher Rollen.
Chronologisch suche ich die erste Luftartistin, die erste Jongleurin, die erste Clownin (und ca. 80 Jahre später die erste wirkliche Auguste...) usw.; versuche Gender-Stereotypen historisch einzuordnen (z.B. die Degradierung von Luftartistinnen zu glitzernden Schmetterlingen ab den späten 1930er Jahren oder die Rückkehr zum Burlesque in den 2000ern); zeige feministische Aneignungen der Artistik (z.B. Clownerie als feministisches Genre seit den 1970er Jahren) ...
Hierbei gehe ich stark auf künstlerische Beispiele historischer und zeitgenössischer Künstlerinnen ein. Ich versuche Nummern-Choreographien zu rekonstruieren und suche nach alten Aufzeichnungen. Die gesamte Bandbreite weiblicher Artistik interessiert mich, um die Leistungen großartiger bekannter und weniger bekannter Artistinnen zu verewigen.

Artistische Performance von Frauen

In bezug auf Frauen in der Artistik untersuche ich zwei große Themenkomplexe: artistische Performance sowie artistischen Alltag - also ihr Leben auf der Bühne / in der Manege sowie hinter den Kulissen.
An der Performance interessiert mich die Vielfalt der Artistik von Frauen, von weiblicher Show-Kunst bis zur androgynen Comedy, von erotischer Körperarbeit bis zu abstrakten Choreographien. Hierzu suche ich Beispiele und stelle sie zu Themen zusammen, stelle Fragen an ihre Performances und interpretiere ihre Bedeutung. Die für mich wichtigsten Oberbegriffe sind Körper, Erotik und Sex-Arbeit, Kampf der Geschlechter, sowie explizit feministische artistische Performance.

Körper
Unter der Überschrift Körper betrachte ich die Körperlichkeit artistische Darbietungen von Frauen, sowie das Spiel mit ihren Körpern. Im Folgenden ein paar Gedanken, zu denen ich recherchiere.

- Anfang des 20sten Jahrhunderts wurden Luftartistinnen und Kraftartistinnen ihre Muskeln als Drag vorgeworfen, so als hätten sie ihre Muskeln angezogen wie ein Kleidungsstück, und nicht antrainiert. Heute ist zu beobachten, dass in der Luft fast ausschließlich Frauen performen. Trotz der notwendigen starken Muskeln, betonen sie oft stark ihre Weiblichkeit - und Luftartistik wird eher als Tanz wahrgenommen, und nicht so sehr als Kraftartistik.

- Ein klassisches Zirkus-Thema ist das Phänomen der Freaks: bärtige Frauen, Zwerginnen, Kontorsionistinnen, ethnische Minderheiten usw. Wie prägte dieser Exotismus die Körper von Artistinnen? Wie sieht das heute aus? Gibt es heute noch die Kategorie Freak in der Artistik, und wie hat sie sich verändert?

- Alter und Altern ist meist ein eher traumatisches Thema für Artistinnen. Ähnlich wie Tänzerinnen und Sportlerinnen haben sie frühe Karriere-Höhepunkte und gehen früh in den Ruhestand. Dazu kommt der gesellschaftliche Zwang und die Kunst, jünger zu wirken - mit Schminke, Kostüm und Habitus. Kindsfrauen und Mädchen sind gern-gebuchtes Programm, wogegen Altern aktuell zum Thema im zeitgenössischen französischen Zirkus wird.

- Artistik hinterlässt Spuren auf den Körpern der Artistinnen - so wie bei vielen anderen Berufen. Hier will ich mich auf eine visuelle Suche machen und diese Spuren aufspüren: Hornhäute auf den Fingern von Luftartistinnen, auf den Fußsohlen von Seiltänzerinnen, blaue Flecken, Über-Dehnungen, Muskelverhärtungen. Aber auch Verletzungen, typische Unfälle und Risiken. Artistik als Kunst des Risikos - nicht nur im spektakulären Sinn, sondern auch in der alltäglichen Bedeutung. Und: werden diese Spuren stolz präsentiert oder versteckt? Wie und warum?

- Zum Thema Körper gehört auch das Artistinnen-Kostüm - Verkleidung, Kleidung, Haut zeigen, Haut verbergen.

Erotik / Sex-Arbeit
Wie bereits beschrieben, wird Artistik oft nahe an erotischer Show-Kunst verortet. In manchen Gesellschaften und Ländern mehr, in manchen weniger. Das künstlerische Märchenland für Artistik ist Frankreich, wo Artistk und Zirkus gleichwertig neben der "Großkunst" Theater, Oper und Ballett stehen. Natürlich werden Geschlechterrollen hier genauso zementiert oder aufgebrochen wir in der "Kleinkunst", aber das Genre Show-Kunst steht viel ungeschminkter für explizite Erotik und Sex-Performance als es das Theater tut. In den USA als Gegenpol zu Frankreich werden Luftartistinnen wie Pole-Dancerinnen meist als erotische Tanzgirls gebucht.
Wie verlaufen die Grenzen zwischen diesen Genres? Was machen Artistinnen, um die Grenzen zu wahren? Wie bewusst ist ihnen die Nähe zur Sex-Arbeit? Gibt es Auseinandersetzungen und Diskussionen darüber?
Hierzu suche ich Beispiele, und will vor allem Umfragen starten unter Artistinnen. Auch nach ihren Strategien, sich davon (emotional und äußerlich) abzugrenzen.

Kampf der Geschlechter
Zu Anfang der Zirkus-Geschichte gab es so etwas wie einen Kampf der Geschlechter nicht - es gab lediglich fest zugewiesene Rollen in der Artistik. Doch dann begannen Frauen damit, Kraftartistinnen zu werden und Luftartistik zu machen. Zunächst tatsächlich nahezu gleichberechtigt mit Männern - wenn auch die gesellschafltiche Wahrnehmung und die Presse das sehr wertend kommentierten. Doch spätestens seit dem Siegeszug von Hollywood wurde der Kampf der Geschlechter in den Zirkus zurückübertragen. Unter diesen Aspekten will ich einzelne artistische Disziplinen und ihre geschlechterspezifischen Konnotationen analysieren. Ein paar Thesen, an denen ich arbeite:

- In der Luftartistik waren anfangs die Geschlechter tatsächlich gleichberechtigt. Alle trainierten dieselben Disziplinen und Rollen. Catcherinnen waren ebenso üblich wie Flieger. Das veränderte sich stark mit dem Einzug des Films, als Zirkus eine romatische Projektionsfläche für großes Mainstream-Kino wurde. Spätestens in den 1930er Jahren begann der Kampf der Geschlechter, Männer mussten sich beweisen, dass sie besser und geeigneter für die Luftartistik waren, ebenso wie sie zeigen mussten, dass sie nicht homosexuell sind. Frauen hörten fast gänzlich auf, andere zu catchen, und es wurden große Gruppenroutinen von hübschen Tänzerinnen in der Luft Mode. Heute hat sich das völlig umgedreht: Luftartistinnen sind zu 90 Prozent Frauen. Das bedeutet jedoch nicht, dass damit geschlechterspezifische Grenzen aufgebrochen werden...

- In der Kraftartistik und Sensationsartistik gab es ähnliche Phänomene. Ganz besonders schön ist hier das Beispiel von Sandwina, der stärksten Frau der Welt, die sich einen leidenschaftlichen Medien-Krieg mit einem Kollegen lieferte um den Titel des stärksten Menschen der Welt.

- Die Dressur (Dressurreiterinnen waren Ende des 19ten Jahrhunderts die damaligen Superstars) wiederum ist ein Beispiel für die Erfolgsgeschichte von Frauen in einem Frauen-Metier. Auch finanziell waren Reiterinnen zum Teil so erfolgreich, dass es mindestens ein Beispiel für einen Mann gibt, der sich als Kunstreiterin ausgab und erst nach Ende seiner Karriere sein Gender offenbarte.

- Clownerie war lange und fast bis heute eine starke Männerdomäne. Bis heute gibt es kaum berühmte Clowninnen. Die erste klassische Auguste gab es erst in den 1970er Jahren in Frankreich: Annie Fratellini. Doch was die Clownerie bemerkenswert macht, ist dass sie für den feministischen Aufbruch der 1970er Jahre zum wichtigsten performativen Ausdrucksmittel wurde. Clownerie als feministische darstellende Kunstform, in der kollektiven und linken Szene.

- Jonglage ist ähnlich wie die Clownerie zu "nerdig" um eine Frauen-Domäne zu werden. Können und Komik können offensichtlich nicht besonders leicht erotisiert werden (im Gegensatz zur freakisch-körperlichen Luftartistik z.B.). Bis heute sind Jongleure zu 80 Prozent Männer, bzw. Jongleurinnen machen dann in der Regel eher körperbetonte und tänzerische Kontakt-Jonglage und Swinging. Interessanterweise jedoch sind die heutigen Superstars unter den Jongleuren meist innovative contemporay Tänzer - also durch weiche Körperlichkeit erfolgreiche Männer.

Feministische Performance in der Artistik
Ich sammle Beispiele feministischer Performance in der Artistik.
Vom australischen Women's Circus, über französische Produktionen der 70er Jahre (z.B. Annie Fratellini), bis zu zeitgenössischen Auseinandersetzungen mit sexualisierter Gewalt (z.B. Tentabulles).

Artistischer Alltag von Frauen

Im Gegensatz zur künstlerischen Kreation interessiert mich auch der Alltag und das Leben von Artistinnen.
Das herkömmliche Bild vom Leben im Zirkus ist stark von Klischees, von romantischen Vorstellungen bis zu vehementer Ablehnung, geprägt. Ich betrachte verschiedene artistische Welten, suche nach Parallelen im traditionellen Zirkus-Betrieb und in der zeitgenössischen artistischen Szene. Ich blicke zurück in die historische Entwicklung dieser Welten und versuche den Klischees reale Beispiele entgegenzusetzen.
Dabei steht im Mittelpunkt das Leben von Frauen in den artistischen Welten.
Heute finden sich alle möglichen Formen von selbständigen Solo-Künstlerinnen bis zu familien-verbundenen Traditions-Betrieben, und genauso vielfältig sind auch deren alltägliche Verhältnisse. Dazu habe ich Gedanken und Fragen, die ich neben die vorherrschenden Klischees stellen möchte:

- Wie durchlässig sind die Grenzen zwischen diesen Welten der Artistik? Wie gehen Artistinnen mit dem Klischee vom Zirkus um und gibt es da Unterschiede zwischen traditionellen Familien-Zirkus-Artistinnen und zeitgenössischen Artistinnen? Was setzen zeitgenössische Artistinnen dem traditionellen Zirkusbild entgegensetzen, wie leben sie mit dem Klischee "Zirkus"?

- Wie unterscheidet sich der Alltag von Artistinnen vom Alltag anderer berufstätiger oder kreativer Frauen?

- Wie vereint eine körperlich und künstlerisch arbeitende Frau ihre Rollen als Künstlerin, Mutter, Frau, Selbständige usw.?

- Was bedeutet der Begriff Freiheit im Kontext harter körperlicher Arbeit? Und Selbstverwirklichung? Im Schutzraum Zirkus?

- Neben den paar Minuten in der Manege / auf der Bühne hat eine Artistin etliche andere Tätigkeiten: vom Material-Geschleppe, Ein- und Ausladen von Requisiten, Requisiten-Pflege und -Bau, Zeltaufbau, Kostüme Nähen und Reparieren, Promotion vom Plakat-Kleben bis zur Webseiten-Betreuung usw. Wie gehen Artistinnen in unserer sehr spezialisierten Gesellschaft damit um, dass sie alles können und alles können müssen? Wie nehmen sie sich dabei selbst wahr?

- Das Leben vieler Artistinnen findet an der Existenzgrenze statt - sowohl in kleinen Familien-Zirkussen, als auch bei freiberuflichen Show-Künstlerinnen. Wie bewältigen sie ihren Alltag zwischen Armut und Hartz 4, Nomadismus und Wohnungslosigkeit? Mit dem überwältigendenden Arbeitspensum einerseits und dem romantisch verklärten Klischee der Freiheit andererseits?

- Wie leben sie an der Grenze zwischen Kunst und "Kleinkunst" (Als Beispiel die Situation in Deutschland: EInerseits werden Artistinnen in der Künstlersozialkasse akzeptiert. Dagegen akzeptiert das Finanzamt Artistik nicht als Kunst und erfordert eine Umsatzsteuer von 19% statt der künstlerischen 7%. Wogegen das KFZ-Finanzamt zeitgenössische Artistik als zu künstlerisch einstuft und deshalb oft ein steuerfreies Schausteller-Kennzeichen verweigert.)

- Neben all diesen Aspekten steht die Notwendigkeit für einen jungen, kräftigen, gepflegten und schönen Körper, Dehnbarkeit und Kraft, tänzerische Weichheit und Können. Wie vereinen Artistinnen dies mit ihrem arbeitsreichen Alltag? Finanziell und zeitlich?